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Legal meets Watson – oder kann Watson Jura?

Kann IBM’s Watson Jura? Dieser Frage gingen bei der Legal meets Watson Tour mehr als 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Anwaltskanzleien, Unternehmen, Start-Ups, Softwareherstellern sowie Vertreter des Deutschen Anwaltvereins und der Bundesrechtsanwaltskammer nach. Im IBM Research Center in Zürich begrüßte zunächst Dr. Stefan Mück, Chief Technology Officer für kognitive Prozesstransformation bei IBM, die Besucher und zeigte den aktuellen Entwicklungsstand von Watson. Anwendungen im Sinne von Künstlicher Intelligenz (KI) seien nicht wie herkömmliche Software programmierbar, so Mück. „Watson muss durch Sprach-, Bild- oder Textanalyse darauf trainiert werden, bestimmte Analogien oder Muster zu erkennen, die ein Grundbaustein des menschlichen Denkens sind.“ Watson ahme demnach zunächst das menschliche Denken nach. „Künstliche Intelligenz darf nicht als einzelne vollkommene Lösung begriffen werden, sondern als ein Set aus Technologien und Teildisziplinen. Erst wenn man alles zusammenbringt, entsteht eine echte Künstliche Intelligenz.“

Dr. Costas Beckas ist bei IBM unter anderem Spezialist für das sogenannte Cognitive Computing, eine Technik, die einen Computer wie ein menschliches Gehirn agieren lässt. Er vertiefte die Grundlagen der Künstlichen Intelligenz und gab den Teilnehmern einen Ausblick auf die weitere Entwicklung von Watson sowie praktische Anwendungsbeispiele aus verschiedenen Industrien.

Abgeschlossen wurde der Vormittag mit einer Führung durch die IBM-Laboratorien, in denen bereits heute an den KI-Anwendungen der Zukunft geforscht wird. Die Teilnehmer konnten unter anderem einen Blick auf einen der wenigen, derzeit weltweit existierenden Quantencomputer werfen. Er steht gut gesichert bei einer Temperatur nahe des absoluten Nullpunkts im Labor. Quantencomputer können wie klassische Computer auch Algorithmen ausführen und rechnen, nutzen dabei aber gleichzeitig die Gesetzmäßigkeiten der Quantenphysik. Dadurch können nicht nur mehr Informationen mit weniger Speicher verarbeitet werden, sondern auch Aufgaben sehr viel schneller gelöst werden als mit einem klassischen Computer. Denn der Quantencomputer verarbeitet dank sogenannter „Überlagerungszustände“ viele Zahlen gleichzeitig, während ein klassischer Rechner alle Rechenschritte nacheinander ausführt. Neben IBM investieren derzeit unter anderem auch Google, Microsoft, die EU und China in diese neue Technologie.

Der Nachmittag der Legal meets Watson Tour stand ganz im Zeichen bereits heute existierender juristischer Anwendungen, die Watson als Technologie nutzen. Dirk Hartung, Executive Director Legal Technologies an der Bucerius Law School, und Michael Friedmann, Prime Rechtsanwälte, zeigten anhand von Praxisbeispielen wie beispielsweise Studierende der Law School kleine Rechtsanwendungen mit Watson entwickeln oder wie man ein intelligentes Expertensystem aufbauen kann. Letzteres besteht maßgeblich aus ca. 180.000 Fragen und Antworten des Portals „frag-einen-anwalt“, mit denen Watson dann gefüttert wurde. Anwälte, die juristische Dienste über eine Plattform anbieten, werden so bereits heute von Watson dabei unterstützt, Fragen schneller und kompetent auch in den Rechtsgebieten zu beantworten, für die sie ggf. keine Spezialisten sind.

Abgerundet wurde der Tag durch einen Workshop, in dessen Rahmen die Teilnehmer, unter Anleitung von Dr. Stefan Mück, Dirk Hartung und Michael Friedmann selbst ein wenig mit Watson-Anwendungen experimentieren konnten. Das Fazit des Tages: Watson wird Anwälte mittelfristig nicht verdrängen, wird ihnen aber vielmehr umfangreiche Entscheidungshilfen liefern, mit denen juristische Fragestellungen beantwortet werden können. Zudem muss man nicht unbedingt IT-Profi sein, um mit Watson zu arbeiten. Aber der Mensch muss weiterhin erstmal die Maschine anlernen und trainieren, bevor sie das tut, was man will: Informationen analysieren und innerhalb weniger Sekunden präzise Antworten auf komplexe, juristische Fragen geben.

Die Legal meets Watson Tour war eine Veranstaltung des Anwaltszukunftskongress, der durch Wolters Kluwer Deutschland und Hans Soldan am 13./14. September in Düsseldorf zum dritten Mal stattfindet.