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Legal Tech – was Unternehmen jetzt tun müssen

Teil 4 - Legal Tech: Zurück in die Zukunft

Im ersten Teil unserer Serie, Legal Tech: Zurück in die Zukunft, haben wir uns mit der Frage beschäftigt, ob der Roboter bis 2050 den Anwalt ersetzen wird. Im zweiten Teil der Serie wurde aufgezeigt, warum Legal Tech das Thema der Stunde ist und bleiben wird. Der dritte Teil gab wertvolle Aufschlüsse darüber, wie mit den richtigen Mitarbeitern der Wandel erfolgreich gestaltet werden kann.

Teil 4: Legal Tech - was Unternehmen jetzt tun müssen

Angesichts des durch Legal Tech ausgelösten Wandels kann es sich keine Rechtsabteilung und keine Kanzlei mehr leisten, auf den bisherigen Erfolgen auszuruhen. Vielmehr sollten sie baldmöglichst beginnen, sich folgende Fragen zu stellen: Wie können wir mit Hilfe von Legal Tech Kosten reduzieren oder Prozesse verbessern? Wie kann uns Legal Tech dabei helfen, zukünftige Ertragspotenziale zu heben? Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für unsere Mitarbeiter? Und wie stellen wir sicher, dass sie diese bewältigen können?

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Rechtsberatungen ein sehr realistisches Bild von den auf sie zukommenden Herausforderungen haben. In absteigender Reihenfolge benennen sie als vordringliche Aufgaben das Managen der Schnittstelle zwischen IT und Rechtsberatung, die Neuorganisation und Neudefinition von Prozessen in der Rechtsabteilung, die interne Weiterbildung der Juristen und Syndici, vor allem in Hinblick auf IT-Fachwissen, sowie die Bewältigung einer höheren Arbeitsbelastung mit gleicher Belegschaft. Alle Maßnahmen, um diese Aufgaben anzupacken, sollten jedoch im Rahmen einer gezielten Strategie erfolgen. Und an dieser Stelle hapert es noch: So geben nur etwas mehr als 3 Prozent der Rechtsabteilungen an, über eine gezielte Legal Tech-Strategie zu verfügen. Etwas mehr als ein Drittel hat eine Strategie in Planung, und fast 60 Prozent der Rechtsabteilungen geben an, noch keine Strategie formuliert zu haben. Das widerspricht der Einsicht, die etwas mehr als zwei Drittel aller Rechtsabteilungen teilen, wonach Legal Tech-Dienstleistungen und Services in Zukunft unverzichtbar für ihre Arbeit sind.

Digitalisierung kann nur gelingen, wenn eine Vision und Umsetzungsidee davon entwickelt wird, wie neue digitale Geschäftsmodelle und Produkte aussehen könnten. Hierbei wird klar werden, dass Digitalisierung nicht das schlichte Installieren von bestimmten Tools bedeutet, sondern einen ganz neuen Blick auf bestehende Geschäftsmodelle, Produkte und Prozesse erfordert. Die Definition einer Digitalisierungsstrategie ist herausfordernd, wird aber denjenigen Rechtsabteilungen und Kanzleien, die sich jetzt ernsthaft damit auseinandersetzen, Wettbewerbsvorteile sichern. Ich bin mir sicher, dass wir 2018 in sehr vielen Rechtsabteilungen und Wirtschaftskanzleien die konkrete Ausbildung einer Digitalisierungsstrategie erleben werden.

Vor einer Gefahr darf man die Augen jedoch nicht verschließen: Während sich die Legal Tech-Lösungen der ersten und zweiten Generation eher evolutionär entwickelt haben, weist Legal Tech 3.0 in einigen Bereichen und Rechtsgebieten ein erhebliches disruptives Potenzial auf. An dieser Stelle wird zur Illustration gern das Bild von der Ketchupflasche verwendet, die nach mehrfachem Schütteln abrupt eine übergroße Menge abgibt. Ebenso kann es mit Legal Tech 3.0 geschehen: Binnen weniger Monate kann die Technologie Veränderungen erzwingen – einfach deshalb, weil es geht und weil die Mandanten das Neue erwarten. Disruptive Technologien evolutionär, also nach und nach, einführen zu wollen, hieße einen Teil seiner Geschäftsbasis in kurzer Zeit obsolet werden zu lassen. Deshalb reicht es nicht, im Rahmen einer Digitalisierungsstrategie nur Legal Tech-Lösungen der ersten und zweiten Generation in Betracht zu ziehen. Der Blick muss vielmehr auf die gesamte Palette und mit Legal Tech 3.0 ff. auf die zukünftige Entwicklung gerichtet werden. Zwar benötigt nicht jede Rechtsabteilung oder Anwaltskanzlei alle momentan zur Verfügung stehenden Legal Tech-Lösungen. Jedoch sollten sich die Verantwortlichen umfassend, also auch mit dem Blick auf übermorgen, informieren und gezielt alle verfügbaren und geprüften Tools und Prozesse auswählen, die die Arbeit in ihrer Abteilung oder Kanzlei leichter, schneller und günstiger machen. Dabei kommt es auf die jeweilige Größe der Abteilung oder Kanzlei an, ob Werkzeuge und Prozesse selbst eingeführt werden oder besser und günstiger von Dritten eingekauft werden können.

Dabei ist es entscheidend wichtig, ab sofort die weitere Entwicklung von Legal Tech genau zu beobachten. Zu den interessantesten Veränderungen, die zu erwarten sind, zählen aus meiner Sicht neue Abrechnungsmodelle. Der um sich greifende Einsatz von Legal TechTools wird sich auf die traditionellen Abrechnungsmodelle von Kanzleien auswirken, etwa indem für standardisierte Aufgaben Festpreise eingeführt werden. Für andere Aufgaben werden die Kanzleien womöglich ganz neue Monetarisierungsmodelle finden. Da sich nicht nur in der deutschen Wirtschaft insgesamt, sondern auch in den Rechtsabteilungen und Kanzleien eine positivere Einstellung gegenüber cloudbasierten Softwarelösungen durchsetzt, dürfte das Angebot an leicht zu nutzenden und preisgünstigen Legal Tech-Produkten steigen. Außerdem werden für die Rechtsberatung von Unternehmen Plattformen entstehen, wie es sie heute schon für Verbraucher gibt. Aufgrund ihrer Transparenz und Economies of Scale werden sich diese Plattformen, ähnlich wie es Uber für Taxifahrten oder AirBnB für Übernachtungen gemacht haben, in die Rolle als Vermittler von Rechtsdienstleistungen hineindrängen. Ob sie dort dauerhaft einen Platz bewahren können, wird sich freilich erst noch zeigen.

Die eingeschlagene Strategie wird im Einzelfall darüber entscheiden, wie sehr sich der Personalbedarf ändern wird. Einige Software-Lösungen werden einen guten Teil dessen, was Anwälte heute tun, entbehrlich machen. Alles was mit Informationsgewinnung, -verarbeitung und -systematisierung zu tun hat, können Legal Tech-Lösungen besser und schneller als Menschen. Aber die Bewertung von Information, verbunden mit einer Rechtsberatung, wird noch so lange von Menschen vorgenommen werden, wie sie für menschliche Mandanten tätig sein werden.

Teil 3

 

Legal Technology 3.0

  

Weitere Informationen finden Sie in unserer Studie "Legal Technology 3.0",
die wir gemeinsam mit Corporate Legal Insights (CLI) durchgeführt haben.

 

Prof. Dr. Peter Körner

Prof. Dr. Peter KörnerPeter Körner ist seit über 28 Jahren in namhaften Unternehmen und Beratungen tätig. Er verantwortete in seiner Tätigkeit bei der Deutschen Telekom u.a. den Bereich Personal und Recht der T-Mobile Deutschland und leitete zahlreiche anspruchsvolle Transformationsprojekte in global tätigen US-Technologiekonzernen. Herr Prof. Dr. Körner ist seit mehreren Jahren an der Hochschule für Ökonomie und Management in Frankfurt als Professor der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Turnaround Management sowie Artificial Intelligence tätig.