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Personelle Vorbereitung – mit den richtigen Mitarbeitern den Wandel gestalten

Teil 3 - Legal Tech: Zurück in die Zukunft

Im ersten Teil unserer Serie, Legal Tech: Zurück in die Zukunft, haben wir uns mit der Frage beschäftigt, ob der Roboter bis 2050 den Anwalt ersetzen wird. Im zweiten Teil der Serie wurde aufgezeigt, warum Legal Tech das Thema der Stunde ist und bleiben wird. 

Teil 3: Personelle Vorbereitung – mit den richtigen Mitarbeitern den Wandel gestalten

Bislang hat man bei deutschen Juristen nicht den Eindruck, dass die in dieser Entwicklung liegenden Chancen in ganzer Konsequenz erkannt werden. Es herrschen Bedenken und Sorgen um den eigenen Status vor. Die eher zum Konservatismus neigende Zunft der Rechtsanwälte wird sich aber dem hohen Tempo der Digitalisierung anpassen müssen, wenn sie nicht von ihr überrollt werden möchte. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen ist es keine allzu gewagte Prognose: Für die Rechtsabteilungen und großen wirtschaftsberatenden Kanzleien wird sich durch Legal Tech die Arbeitsweise ändern. Die Frage ist, welche personellen Konsequenzen das in Bezug auf die Zahl der benötigten Arbeitsplätze und der notwendigen Qualifikationen der Berufsträger und der Supportkräfte haben wird.

Dazu ein Beispiel: Im Bereich Mergers & Acquisitions, Unterpunkt Due Diligence, gibt es mittlerweile exzellente Informationsextraktionssoftware. Sie ist in der Lage, Verträge zu lesen, zu „verstehen“ und alle wichtigen Vertragsbestandteile herauszusuchen, zu katalogisieren und zu systematisieren. Und das in extrem kurzer Zeit und in vielen Sprachen der Welt. Die Software sucht nicht nur nach Schlagwörtern, sondern auch nach Sinnzusammenhängen. Sie kann Standards erkennen und davon abweichende Klauseln. Sie kann sogar Sonderkündigungsklauseln identifizieren, auch wenn sie wörtlich nicht in dem Dokument vorkommen. In Deutschland hat die Berliner Legal Tech-Schmiede Leverton damit innerhalb kürzester Zeit für Furore gesorgt. Der von ihr entwickelte selbstlernende Algorithmus kann binnen Minuten mehrere Hundert Seiten lange Immobilienverträge scannen – schneller, als je ein Jurist dazu in der Lage wäre. Man muss kein Fachanwalt für Immobilienrecht sein, um etwa einen umfänglichen Mietvertrag in die Software zu laden und die Analyse zu starten. Schon wenige Minuten reichen dem Algorithmus, um aus einem 140 Seiten langen Dokument die wichtigsten Daten herauszufiltern: Adresse, monatliche Gesamtmiete, Quadratmeter. Der Algorithmus ermittelt auch, wie viele Mietparteien im Gebäude sind und wer wann mit welchen Fristen kündigen darf. Eine solche Software kann den Rechtsabteilungen sehr viel Zeit und Geld sparen. Und sie hat große Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der wirtschaftsberatenden Kanzleien, denn sie übernimmt Aufgaben, die heute vielfach von jungen Associates erledigt werden.

E-Discovery-Software ist ein weiteres Beispiel, das es schon seit vielen Jahren gibt. Sie ist in Deutschland aber noch von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung, weil sich unser Rechtssystem zum Teil erheblich vom anglo-amerikanischen Rechtssystem unterscheidet, wo E-Discovery eine viel größere Rolle spielt. Aber auch hier gilt: Bei wiederkehrenden Tätigkeiten ersetzt die Software zunehmend die menschliche Arbeitskraft.

Damit Rechtsabteilungen die Vorzüge dieser Entwicklung voll ausschöpfen können, benötigen sie zwei Dinge: Verantwortliche, die den Bedarf an neuen Qualifikationen und Kompetenzen erkennen, und Mitarbeiter, die juristisches Wissen und zumindest eine informationstechnologische Grundausbildung mitbringen. Das bedeutet nicht, dass Rechtsabteilungen und Kanzleien nun Informatiker mit juristischen Kenntnissen rekrutieren müssen. Es genügt, wenn sie ausreichend Juristen finden, die in Sachen Legal Tech aufgeschlossen über den engen Tellerrand der bisherigen Juristenausbildung blicken. Rechtsanwälte müssen auch in Zukunft nicht fortgeschritten programmieren können. Aber sie sollten die Fachbegriffe kennen und richtig einordnen können, und sie sollten ein Verständnis fürs Programmieren und für technologische Zusammenhänge haben. In Zukunft werden Mitarbeiter benötigt, die in der Lage sind zu erkennen, wann Technologieeinsatz sinnvoll ist, und die kritisch bewerten können, wo Technologie an ihre Grenzen stößt. Außerdem sind Juristen gefragt, die mit ihrem Verständnis von der Materie Technologien regulieren und über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Recht selbst und dessen soziale und wirtschaftliche Funktion nachdenken.

Zweifellos hinkt die Entwicklung in Deutschland diesbezüglich gegenüber den bereits erzielten Fortschritten in den USA hinterher. Doch auch hierzulande gibt es Universitäten, die die Studieninhalte an der sich abzeichnenden Zukunft ausrichten. Wenn man bedenkt, dass die juristische Ausbildung in der Regel fünf bis sieben Jahre dauert, wird es also noch eine Weile dauern, bis genügend kenntnisreiche Kandidaten auf den Arbeitsmarkt treten. Das Berufsbild der Juristen wird durch Legal Tech sicher noch differenzierter und spannender. Bisher gab es beispielsweise keine juristischen Datenanalysten. In Zukunft werden sie gebraucht. In der Übergangsphase einer Rechtsabteilung können Juristen mit Technologiekenntnis als Berater fungieren.

Mit der zunehmenden Vernetzung und interdisziplinären Zusammenarbeit in den verschiedenen Branchen, die durch die Digitalisierung weiter vorangetrieben wird, entstehen ganz neue juristische Probleme, für deren Lösung auch in Zukunft viele Juristen benötigt werden, die ihre Unternehmen und Mandanten inhaltlich beraten. Doch auch für diese Anwälte gilt: Wer versteht, wie man mit Technologie einer Rechtsabteilung Kosten spart oder wie man mit ihr als externe Wirtschaftskanzlei Geld verdient, hat es leichter, voranzukommen oder Partner zu werden.

Teil 2 Teil 4

 

Legal Technology 3.0

  

Weitere Informationen finden Sie in unserer Studie "Legal Technology 3.0",
die wir gemeinsam mit Corporate Legal Insights (CLI) durchgeführt haben.

 

Prof. Dr. Peter Körner

Prof. Dr. Peter KörnerPeter Körner ist seit über 28 Jahren in namhaften Unternehmen und Beratungen tätig. Er verantwortete in seiner Tätigkeit bei der Deutschen Telekom u.a. den Bereich Personal und Recht der T-Mobile Deutschland und leitete zahlreiche anspruchsvolle Transformationsprojekte in global tätigen US-Technologiekonzernen. Herr Prof. Dr. Körner ist seit mehreren Jahren an der Hochschule für Ökonomie und Management in Frankfurt als Professor der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Turnaround Management sowie Artificial Intelligence tätig.