Wolters Kluwer Deutschland

Warum Legal Tech das Thema der Stunde ist und bleiben wird

Legal Tech: Zurück in die Zukunft - Teil 2

Der erste Teil unserer Serie, Legal Tech: Zurück in die Zukunft, befasste sich mit der Frage: Wird der Roboter bis 2050 den Anwalt ersetzen?

Teil 2: Warum Legal Tech das Thema der Stunde ist und bleiben wird

Die erste Generation der Legal Tech, das ist ein zentrales Ergebnis unserer Untersuchung, hat auch in Deutschland Einzug in die Rechtsabteilungen der Unternehmen gehalten. Das wundert nicht, denn sie bietet nach heutigem Stand das größte Potenzial an Effizienzgewinnen, unabhängig von der Größe einer Rechtsabteilung oder Anwaltskanzlei. Dass nun die zweite Generation immer stärker in den Fokus rückt und viele Juristen mit einer Mischung aus Spannung und Sorge verfolgen, was Legal Tech 3.0 an IT-Lösungen mit sich bringt, hat einen guten Grund. Die Zahl von Startup-Unternehmen, die sich mit LegalTech-Lösungen beschäftigen, ist in jüngster Zeit erheblich gestiegen. Sie haben zum Teil sehr überzeugende Ideen, allerdings schaffen es viele von ihnen nicht in die zweite Finanzierungsrunde, weil sich keine Marktnische für sie findet, in der sich genügend Geld damit verdienen lässt.

Das bedeutet keineswegs, dass Legal Tech ein Strohfeuer ist, das demnächst wieder erlöschen wird. Im Gegenteil, die Botschaft ist auf dem Markt für Rechtsberatung – und hier vor allem bei den Rechtsabteilungen der Unternehmen – angekommen, dass sie mittelfristig mit Hilfe der neuen Technologie in der Lage sind, juristische Dienstleistungen viel günstiger, besser und vor allem kosteneffizienter selbst zu erledigen oder zumindest einkaufen zu können. Legal Tech wird vor allem über Mandanten im wirtschaftsrechtlichen Bereich vorangetrieben, denn die Rechtsabteilungen verfügen über kraftvolle Hebel für den Einsatz digitaler Tools. Sie haben nämlich über ihre Unternehmen Zugang zum Kapitalmarkt und damit auch Geld für große Investitionsvorhaben, wie sie bei Technologie meist notwendig sind. Außerdem verfolgen sie mittel- bis langfristige Planungsziele. Wenn sich eine Innovation auf die mittlere Sicht lohnt, dann bekommen die Legal Offices in der Regel grünes Licht vom Vorstand. Ohne jeden Zweifel werden die Rechtsabteilungen der Motor für die Digitalisierung der Rechtsbranche sein und für weitere Innovationsschübe sorgen. In der deutschen Industrie ist die Digitalisierung bereits im vollen Gange. Die Digitalisierung in der Produktion wird auch für Rechtsabteilungen ganz neue Herausforderungen und einen zunehmenden Bedarf an neuen digitalen Lösungen mit sich bringen.

Das setzt die Kanzleien zunehmend unter Druck, denn nun werden auch sie sich vermehrt mit diesem Thema beschäftigen müssen. Das beginnt damit, die eigenen Arbeitsprozesse zu überprüfen und zu verbessern – etwa durch die Straffung der internen Strukturen. Ziel ist es, sowohl die Leistungen günstiger zu erstellen als auch den Service zu verbessern, um im Wettbewerb weiter bestehen zu können. Mehr Dienstleistungsorientierung, wie sie in anderen Branchen längst üblich ist, wird sich auch bei der Rechtsberatung durchsetzen. Es sind also nicht unbedingt die Startups, die mit Legal Tech-Lösungen den größten Veränderungsdruck aufbauen, sondern die Unternehmen und ihre Rechtsabteilungen. Sie werden externe Kanzleien vermehrt unter Zugzwang setzen, um günstiger und effizienter an gute Rechtsberatung zu gelangen.

Allerdings sollte man auf Unternehmensseite die Erwartungshaltung nicht ins Unermessliche schrauben. Wunder sind auch durch Legal Tech nicht zu erwarten. Es gibt aber sehr wohl Grund für Optimismus, denn die erforderliche Hardware für Legal Tech-Lösungen wird zunehmend günstiger. Und gerade bei dem wichtigen Aspekt des Maschinenlernens ist die Software in den vergangenen Jahren einfacher und billiger geworden. Dass Legal Tech augenblicklich so gehypt wird, hat also ein Stück weit eben doch mit der Technologie selbst zu tun. Hinzu kommt, dass auch die zur Auswertung zur Verfügung stehende Datenmenge erheblich zugenommen hat – Big Data lässt grüßen. Softwaretechnologie hilft insbesondere bei der Erarbeitung und Strukturierung von umfangreichen Sachverhalten. Sie kann auch schneller und besser Korrelationen zwischen Daten, Muster und Abweichungen erkennen. Die Analyse von unzähligen Gerichtsentscheidungen führt dazu, dass man Muster der Entscheidungen erkennen und daraus Prognosen über künftige Entscheidungen ableiten kann. Zur Einschätzung der Erfolgsaussichten einer Klage war der Anwalt bisher in der Regel auf sein durch langjährige Berufserfahrung erworbenes Wissen in Kombination mit seinem Bauchgefühl angewiesen. Software kann sehr viel größere Datenmengen verarbeiten und hilft Rechtsabteilungen und Anwälten dabei, eine verlässlichere und bessere Risikoabwägung vorzunehmen.

Legal Tech-Lösungen können zudem dabei helfen, die von einem Vertragspartner vorgelegten Dokumente auf etwaige Schwachstellen hin zu untersuchen. In den USA gibt es den Onlinedienstleister LawGeex, auf dessen Website ein Dokument hochgeladen und durch den automatischen Vergleich mit Tausenden von anderen Verträgen in der Datenbank optimiert werden kann. So lassen sich kritische oder außergewöhnliche Klauseln aufspüren und nachverhandeln. Ob sich ein solches Modell auch in Deutschland etablieren wird, bleibt abzuwarten.

Teil 1 Teil 3

 

Legal Technology 3.0

  

Weitere Informationen finden Sie in unserer Studie "Legal Technology 3.0",
die wir gemeinsam mit Corporate Legal Insights (CLI) durchgeführt haben.

 

Prof. Dr. Peter Körner

Prof. Dr. Peter KörnerPeter Körner ist seit über 28 Jahren in namhaften Unternehmen und Beratungen tätig. Er verantwortete in seiner Tätigkeit bei der Deutschen Telekom u.a. den Bereich Personal und Recht der T-Mobile Deutschland und leitete zahlreiche anspruchsvolle Transformationsprojekte in global tätigen US-Technologiekonzernen. Herr Prof. Dr. Körner ist seit mehreren Jahren an der Hochschule für Ökonomie und Management in Frankfurt als Professor der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Turnaround Management sowie Artificial Intelligence tätig.